Was ist überhaupt Krebs?

 

Krebs: Zellen außer Rand und Band

 

Krebs ist eine Ansammlung von fehlgesteuerten Zellen, die aufgrund falscher Informationen glauben, sich ständig teilen zu müssen. Solche fehlgesteuerten Zellen entstehen im Organismus ständig, werden aber vom körpereigenen Kontrollsystem in Schach gehalten.

 

In unserem Körper sterben täglich ca. 100.000.000.000 Zellen ab und müssen durch neue ersetzt werden. Allein das Knochenmark produziert jede Minute 150 Mio. Zellen. Dass dabei auch mal etwas schief gehen kann, ist bei diesen unvorstellbaren Mengen nicht verwunderlich.

 

Um die Entstehung von Krebs zu verstehen, muss man wissen, wie die Entwicklung einer gesunden Zelle abläuft. Bis zu ihrer ersten Zellteilung durchläuft sie einen Zyklus von 4 Phasen:

  • In der sog. G1-Phase nimmt die Zelle an Größe zu und stellt neue Proteine her, die sie für den nächsten Schritt benötigt.

  • In der 2. (S-) Phase verdoppelt sie die Erbsubstanz (DNA).

  • In der 3. Phase (G2) bereitet sie sich auf die eigentliche Teilung (Mitose) vor und produziert wieder Proteine, die sie für den nächsten Schritt braucht.

  • In der 4. Phase (G2) teilt sie sich dann.

 

Zwischen allen Phasen passen sog. Wächterenzyme und Reparatureiweiße darauf auf, dass alles in Ordnung ist und der nächste Schritt erfolgen kann. Sollte ein Schaden auftreten, wird dieser von Reparatureiweißen behoben. Gelingt das nicht, so sorgt das wichtige Tumorsuppressor-Gen p53 dafür, dass die Zelle abstirbt. Ist dieses selbst allerdings geschädigt, so brechen alle Dämme.

 

Zellen sind anfällig für Schäden, denn bei jeder Teilung müssen ca. 30000 Gene und 100000 Eiweiße neu produziert werden – millionenfach in jeder Sekunde. Nur den außerordentlichen Reparatur- und Kontrollmechanismen ist es zu verdanken, dass nur wenige Zellen mit fehlerhafter DNA überleben. Bei Krebszellen scheint diese Kontrolle ausgeschaltet zu sein.

 

Zellen kommunizieren normalerweise auch mit ihren Nachbarzellen. Diese Kommunikation ist bei Krebs ebenfalls gestört.

 

Für die Entstehung von Krebs scheint auch die Umgebung der Zelle, das Milieu, eine Rolle zu spielen. Experimente haben gezeigt, dass Krebszellen, wenn sie in ein gesundes Milieu implantiert werden, sich wieder wie normale Zellen verhalten.

 

Krebszellen sind anders als gesunde Zellen extrem egoistisch und rücksichtslos. Sie dringen in andere Gewebe ein und zerstören sie. Sie rauben gesunden Zellen Energie und haben nur noch einen Sinn: unendliche Vermehrung und ewiges Leben, koste es, was es wolle. Dabei entwickeln sie erstaunliche Überlebensfähigkeiten gegen eine Chemotherapie und können resistent werden. So entwickelt die Krebszelle beispielsweise in ihrer Zellmembran Pumpen, die die Chemo sofort wieder ausschleusen oder sie entwickelt Enzyme, die Gifte rasch abbauen. Krebszellen können sich auch für das Immunsystem unsichtbar machen, indem sie einfach die Andockmoleküle für die Abwehr einziehen und so nicht mehr erkannt werden können. Oder sie produzieren Botenstoffe wie TGF-β (Transforming grouth factor-beta), um die Killerzellen auszuschalten. Sie geben auch Substanzen ab, die als Tumormarker bekannt sind. Diese bewirken ebenfalls, dass die Tumorzellen von der Immunabwehr nicht erkannt werden.

Das macht den Kampf gegen den Krebs auch so schwer und manchmal erfolglos.

 

Eine Krebszelle ist also eine Zelle, die völlig vergessen hat, welche Aufgabe sie eigentlich im Körperverbund zu erfüllen hat. Sie hat sich zu einer Art Urzelle entwickelt, die wächst und wächst und alles zerstört, was ihr in den Weg kommt. Und ihr Überlebenswille ist beachtlich.

 

Krebszellen brauchen Nährstoffe aus dem Blut

 

Ohne eine Anbindung an die Blutbahn, über die sie Nährstoffe erhalten, könnten Krebszellen nicht überleben. Deshalb bilden sie eine chemische Substanz (Angiogenin), das die Blutgefäße anregt, neue Gefäße in ihrer Nähe zu bilden. Deshalb wurden Medikamente entwickelt (Angionesehemmer), die das verhindern sollen - leider noch nicht mit dem Erfolg, den man sich davon versprochen hatte. Aber hier liegt vermutlich die Zukunft einer sanfteren Krebsbehandlung, die den Krebs sozusagen austrocknet und zum Absterben bringt.

 

Krebs – eine chronische Wunde?

 

Krebszellen stellen die normale Ordnung im komplizierten Zusammenspiel aller Zellen sogar auf den Kopf und nutzen Eigenschaften des Körpers, die eigentlich heilen sollen, zu ihrem Vorteil:

  • Sie produzieren durch Entzündungsfaktoren eine Entzündung in ihrer Umgebung. Erst dadurch können sie in benachbarte Umgebungen und das Blut eindringen. Normalerweise werden die Entzündungsfaktoren nicht mehr produziert, sobald das Gewebe durch neue Zellen geheilt ist. Der Krebs produziert diese Entzündungsfaktoren aber immer weiter und stimuliert so sein eigenes Wachstum.

  • Die Überproduktion der Entzündungsbotenstoffe bringt die Abwehrzellen im Umfeld des Tumors so durcheinander, dass sie ihre Aktivität einstellen. Der Tumor kann ungehindert weiter wachsen.

  • Je größer der Tumor ist, desto stärker wird die Entzündung. Je stärker die Entzündung ist, die ein Tumor hervorrufen kann, desto aggressiver wird er, bis er schließlich die Lymphe erreicht und Metastasen bildet, wie in der angesehen Fachzeitung Science gezeigt wurde. (Marx J. Cancer research: Inflammation and cancer: the link grows stronger; Science 306:5698-5966; 2004)

 

Der Zusammenhang zwischen chronischen Entzündungen und Krebs ist relativ neu. Mittlerweile konnte aber bei verschiedenen Krebsarten nachgewiesen werden, dass Entzündungshemmer wie NSAIDs (Diclofenac, Ibuprofen usw.) sich positiv auf die Progression auswirken. Hier wird z.Zt. viel geforscht.

 

Der gefährlichste und bei manchen Tumorzellen einzige Entzündungsfaktor heißt Nuklear-Faktor Kappa B (oder NF-Kappa B). Wird die Bildung dieses Entzündungsfaktors blockiert, so sterben die Krebszellen ab und bilden keine Metastasen.

Die Menge der Entzündungsstoffe, die der Tumor produziert, kann sogar Aufschluss über die Heilungschancen geben. Im Glasgow Hospital wurde in den 90er Jahren ein Entzüngungsmarker (Glasgow Prognostic Score oder abgekürzt GPS) entdeckt, der einfach und billig zu messen ist. Gerade bei metastasiertem Krebs ist er aussagekräftiger bzgl. der Prognose als das Tumorstadium usw. Dazu muss man nur CRP (C-reaktives Protein) und Albumin messen.

 

Krebs eine Erkrankung der Mitochondrien?

 

Neue Untersuchungen machen diese alte Warburg-Theorie zur Krebsentstehung wieder aktuell. Mitochondrien sind die Kraftwerke des Körpers. Jede Zelle hat etwa 1500 davon. In diesen Mitochondrien wird aus Sauerstoff Energie produziert.

Der Nobelpreisträger Otto Warburg hatte schon 1924 die These aufgestellt, dass die Entstehung von Krebs mit der Umstellung der Energiegewinnung in der Zelle von Sauerstoff auf Zucker zusammenhängt, wobei viel Milchsäure anfällt. Mit der Umstellung auf Vergärung von Blutzucker als Energiegewinnung stellen die Zellen sozusagen ihr Notstromaggregat an und die Energiegeproduktion (ATP) ist viel geringer als bei der aus Sauerstoff. Man fühlt sich schlapp und entwickelt unspezifische Beschwerden. Eine Ursache für die Umstellung auf Sparflamme könnte eine massive Produktion von Sauerstoffradikalen (ROS) sein, die bei der Sauerstoffnutzung zwar immer anfallen, aber in normalen Mengen durch Antioxidanzien „entgiftet“ werden. Stehen davon nicht genug zur Verfügung, schaltet die Zelle auf „Notfall“ und Gene werden geschädigt. Hält dieser Zustand länger an, so produziert die Zelle Polyamine, durch die die Zellteilung unkontrolliert angeregt wird: eine Krebszelle entsteht.

 

In den letzten zehn Jahren ist diese alte Hypothese erneut von zahlreichen Wissenschaftlern erforscht worden, da alle bisherigen Modelle zur Krebsentstehung nicht wirklich überzeugen können. So konnte ein deutsches Forscherteam 2006 zeigen, dass der Fortschritt des Krebswachstums davon abhängt, dass die Zellen ihre Energie weniger aus der Verbrennung von Sauerstoff und vermehrt durch die Vergärung von Zucker gewinnen. Die Forscher zwangen Krebszellen zu mehr Sauerstoffverbrauch und diese verloren ihre Fähigkeit, in den Versuchstieren Krebs auszulösen. In einem weiteren Versuch stoppten die Forscher die Energieproduktion durch Sauerstoff in Leberzellen, woraufhin sich Krebszellen schneller ausbreiteten und gesunde Zellen wie Krebszellen zu wachsen anfingen. (Induction of oxidative metabolism by mitochondrial frataxin inhibits cancer growth, J Biol Chem 2006 Jan 13;281(2);977-81 und Targeted disruption of hepatic frataxin expression causes impaired mitochondrial function, decreased life span and tumor growth in mice. Hum Mol Genet 2005 Dec 15;14(24):3857-64)

 

Krebs braucht Auslöser und eine Umgebung, in der er wachsen kann

 

Die Entstehung von Krebs ist ein sehr komplexes Geschehen. Die Wissenschaft forscht und forscht und findet immer mehr Details, die dazu beitragen, dass Krebs entstehen kann und wie er sich im Körper ausbreitet. Es scheint aber so, dass alle neuen Entdeckungen auch wieder neue Fragen aufwerfen.

 

Als Krebsauslöser für Speiseröhrenkrebs gelten

  • Chemikalien, die die Gene verändern (im Zigarettenrauch, Pestizide, Gepökeltes, Aflatoxine aus Schimmelpilzen

  • Alles, was zu chronischen Entzündungen der Speiseröhre führt: Alkohol, zu heiße Getränke, viel Scharfes, chronisches Sodbrennen

  • Viren: möglicherweise der Epstein-Barr-Virus

  • Diabetes, Übergewicht und falsche Ernährungsgewohnheiten gelten generell als Krebsrisiko: zu viel Süßes, Weißmehlprodukte, falsche Fette, zu viele Omega-6-Fette, zu wenig Omega-3-Fette.

  • Chronischer emotionaler Stress, der das Immunsystem herunterfährt.

 

Damit eine Krebszelle und daraus ein ausgewachsener Tumor entsteht, müssen viele Faktoren zusammen kommen. Meist müssen mehrere unterschiedliche Gene geschädigt sein und die schädigenden Einflüsse müssen über einen längeren Zeitpunkt bestehen. Leider ist dieser Prozess nicht messbar und der Tumor wird oft erst dann entdeckt, wenn er Probleme verursacht. Dann ist er meist schon weit fortgeschritten.

 

Metastasen durch Krebsstammzellen

 

Gefährlich wird es, wenn spezielle Krebszellen es schaffen, sich aus dem Zellverbund zu lösen und auf Wanderschaft gehen, um sich an anderer Stelle anzusiedeln. Wenn das geschieht, gilt der Krebs als nicht mehr heilbar und wird palliativ behandelt, d.h. das Ziel einer Therapie ist nicht weiter die Heilung, also Beseitigung aller Krebszellen, sondern eher Stillstand oder langsameres Weiterwachsen.

 

Man weiß heute, dass eine Krebsgeschwulst aus unterschiedlichen Zellen besteht. Für das Wachstum und die Metastasenbildung sind offensichtlich nur Stammzellen verantwortlich, die sich in Nischen der Geschwulst verstecken können und so von Chemotherapeutika oft nicht erreicht werden. Hinzu kommt, dass diese Stammzellen sich nicht oft teilen. Chemotherapeutika, die ja sich schnell teilende Zellen abtöten, können deshalb unwirksam sein.

 

Wenn sich Metastasen entwickelt haben, wird der Krebs sehr gefährlich, weil er den Organismus an mehren Stellen gleichzeitig schädigt. Hinzu kommt, dass die Krebszellen der Metastasen weitaus aggressiver sind als die Zellen des Ursprungstumors.

 

Wie es genau zur Metastasenbildung kommt, ist noch unklar. Man schätzt, dass von einem 1 Gramm schweren Tumor (er besteht schon aus 1 000 000 000 Zellen) schon Millionen täglich in die Blutbahn gelangen, diese aber von den Abwehrzellen fast alle vernichtet werden. Nur einzelne (die Stammzellen?) überleben. Sie bilden dann einen Zellhaufen und verstecken sich in einer Fibrin-Hülle, so dass sie von den Anwehrzellen nicht erkannt werden können. Bleibt dieser Zellhaufen in einem der winzigen Blutgefäße stecken, so kommt es zu einer Tumorembolie, das Blut kann nicht mehr fließen, die Krebszellen brechen aus ihrer Hülle aus und versuchen sich anzuheften. Meist gelingt ihnen das nicht und sie werden vom Immunsystem vernichtet. Es ist aber oft nur eine Frage der Zeit, bis sich eine Zelle anheften kann und eine neue Kolonie bildet. Deshalb wird heute häufig eine prophylaktische Chemotherapie gegeben, um evtl. zirkulierende Krebszellen zu töten.

Free business joomla templates